Es ist Urlaub

Der Juli neigt sich dem Ende zu.

Das bedeutet in Deutschland: Ferien! Urlaubszeit! Und für viele Familien bedeutet es auch: Wegfahren, an einen anderen Ort, vielleicht in ein anderes Land. Etwas anderes sehen, hören, schmecken, riechen. Etwas ganz Anderes, ganz Neues erleben. Im Urlaub geht die Zeit anders, man darf den ganzen Tag chillen, muss nichts so wirklich und darf dafür ganz viel. Man lernt ganz viel ohne zu lernen und man wächst über sich hinaus ohne seine Komfortzone wirklich zu verlassen. Urlaub ist etwas sehr besonderes.

Dieses Jahr ist das alles etwas anders. Einige Familien fahren zum ersten Mal nicht in den Urlaub, aus wirtschaftlichen Gründen oder aus anderen „geht-nicht-gründen“. Und vielleicht sitzen sie sich jetzt beim Abendessen gegenüber, schauen sich an, ein wenig wehmütig und fragen sich:

„Wo wäre ich jetzt gern?“

Am Meer, vielleicht, oder an einem malerischen See in den Bergen? In der warmen Mittagssonne neben einem Lavendelfeld, oder vielleicht in der kühlen Brise der Bretagne? Am blauen, strahlenden Meer im warmen Sand, oder vielleicht neben einer kleinen festen Schneepassage weit über Allem?

Im Geist kannst du überallhin reisen. Es gibt keine Grenzen, keine Stoppschilder, keine Gründe. Du kannst dich an jeden beliebigen Ort versetzen, an den du willst und ihn erleben, hören und fühlen, ja sogar schmecken. Das alles kann dein Geist.

Ja, sagst du, aber es ist doch nicht echt. Wenn ich die Augen aufmache bin ich wieder hier.

Wo ist denn dein „Hier“?

Liegst du im Schlamm, in einem Bretterverschlag direkt neben einem fliegenbesetzten Plumpsklo? Über dir zur Hälfte ein grauer Himmel, der es dieses Jahr liebt vor sich hinzuträufeln? Neben dir, ganz eng und viel zu nah jemand, den du eigentlich gar nicht kennst, dessen Sprache du auch nicht sprichst, der genau wie du leise vor sich hinstinkt – und eure Mägen knurren im Hungertakt?

Oder ist dein Hier ein schöner Wohnraum, es ist warm und angenehm, du kannst sogar lustwandeln gehen, wann immer dir danach ist, du hast ein paar Goldmünzen auf dem Konto und der Kühlschrank ist so ungefähr halbvoll. Es gibt sogar ein bisschen so etwas wie Luxus, das Gerät zum Beispiel, mit dem du diesen Text liest. Oder der Fernseher, der vielleicht zu oft läuft. Dein Hier ist also ein recht angenehmer Ort, an dem du gern bist.

Dein Geist kann dich an einen wundervollen Ort versetzen – du liegst an einem blauen Pool, neben dir die lila Lavendelfelder, die wie durch Zauberhand leicht hin- und herwiegen. Neben dir steht ein großes Glas mit einem orangenfarbenen Getränk mit einem interessanten Strohhalm darin. Deine Fußnägel sind überraschenderweise rot.

Oder dein Geist kann das Hier eng finden und klein, unzufrieden sein und sich noch enger und stinkiger fühlen als der kleine Junge auf der Flucht, der neben dem Plumpsklo wohnt.

Was wählst du – wo wärst du jetzt gern?

Deine Susanne

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